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21 Jan

Editorial von Walter Thieme: Überzeugt mit 280 Zeichen?

Die einen versetzen die Menschen rund um den Globus mit ein paar Tastenschlägen in helle Aufregung. Andere beleidigen auf gleiche Weise ganze Völker. Wieder andere versemmeln ihre eigenen Botschaften und kehren sie ins genaue Gegenteil von dem, was sie eigentlich mitteilen wollten. Die Begrenzung auf digitale 280-Zeichen-Nachrichten führt bei Empfängern rasch zu falschen Schlüssen.

Zuspitzungen gab es schon immer, weil sich viele Menschen nichts sehnlicher wünschen als einfache Antworten auf komplizierte Sachverhalte. Solche  Zuspitzungen polarisieren und verdeutlichen Positionen oder Sachverhalte.

Seit Jahrzehnten ist uns das als Schlagzeilen über den Nachrichten, aber auch auf Wahlplakaten vertraut. In Zeitungen findet der Leser dann unter der Schlagzeile  noch eine Erörterung des Sachverhalts. Er konnte sich dann im Idealfall daraufhin eine eigene Meinung bilden.

Durch die Begrenzungen der Zeichenanzahl in Social Networks und diversen Nachrichtendiensten im Internet (wie Twitter mit maximal 280 Zeichen) hat dazu geführt, dass massenhaft nur noch ‚Schlagzeilen‘ verbreitet werden.

So werden viele Sachverhalte nur noch unangemessen auf Meinungen reduziert, erwecken dabei aber zugleich den Anschein eines Berichts. ‚Follower‘ können das dann per ’Click‘ gut, neutral oder schlecht finden. Austausch von Argumenten oder gar Tiefgründigkeit sind gar nicht mehr vorgesehen.

Zugleich ermöglicht die Schnelligkeit unserer heutigen digitalisierten Welt und Nachrichtenverbreitung rasanten Themenwechsel und Ablenkungen. Ein Hype folgt dem anderen. Von Bedeutung ist allen nur noch, wer den ‚Tweet‘ formuliert hat und ‚die Welt‘ beschäftigt sich dann nur noch mit diesem Thema – bis zum nächsten ‚Tweet‘.

Eigentlich schade, dass Präsidenten großer Staaten lieber digital „zwitschern“ statt gute Reden zu halten: Es ist wohl kaum zu erwarten, dass mal „Große Tweets von großen Präsidenten“ herausgebracht werden. Anders bei jenen Staatsmännern wie Kennedy oder Mandela – ihre Reden werden heute noch gern dokumentiert, gelesen und zitiert.

Aber wer wollte denn schon die dahin gezwitscherten Tweets des aktuellen US-Präsidenten später nochmal nachlesen?

 

Mit besten Grüßen

Walter Thieme
WTH-Geschäftsführer