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18 Mär

Editorial von Walter Thieme: Keine Anschläge mehr…

Schon beim Schreiben des Wortes „Anschläge“ beschleicht einen ein ungutes Gefühl. Wenn erst ein Politiker es öffentlich in den Mund nimmt, formen sich in den Köpfen seiner Zuhörer blitzartig schreckliche Szenarien mit Explosionen, Toten, Verletzten und Chaos. Es gab jedoch Zeiten, da waren „Anschläge“ etwas, worauf man stolz war – und was obendrein Maßstab für besondere Leistungen war.

Wörter gehen mit der Zeit und manchmal gehen sie mit der Zeit auch komplett weg. Manche sinnbildlichen Ausrufe verstehen heute nur noch ältere Menschen. Wer knallt heute noch den Hörer buchstäblich auf die Gabel? Die Jungen schütteln dann oft verständnislos mit dem Kopf. Denn die Handy- und Schnurlostelefongeneration kennt keine Telefone mit Gabel mehr.

Und da sind wir auch schon wieder bei den Anschlägen: Früher freuten sich die Damen des Sekretariats einer Firma, wenn sie pro Minute soundso viel Anschläge auf der Schreibmaschine tippen konnten. Auch die Überschriftenlängen für Zeitungen wurden lange Zeit in „Anschlägen“ gezählt. Und heute? – Da bemisst sich die Zeilen- oder Textlänge stets nach „Zeichen“. Und Sekretärinnen bewerben sich längst nicht mehr mit ihren „Anschlägen“.

Auch Bemerkungen wie „Das habe ich schwarz auf weiß“ oder die Steigerung „Mit Brief und Siegel“ sorgen eher für Erheiterung denn für Respekt. Schließlich wird zunehmend digital geschrieben und dokumentiert. Ausdrucke davon gibt es zwar immer noch. Aber die Bedeutungen der genannten Aussprüche haben sich weitgehend erledigt. Und wer sich in unseren Tagen mit dem Ausruf „Dann will ich das mal zu Papier zu bringen“ vor den Bildschirm setzt, meint das ganz sicher allenfalls scherzhaft.

Was früher mal Verschlagenheit und eine gewisse Unehrlichkeit beschrieb, hat mittlerweile eine andere Bedeutung gefunden: „Link“ wird nicht mehr als eine Charaktereigenschaft verwendet. Die vier Buchstaben stehen für eine Art Querverweis ins Internet. Wer einem Gesprächspartner etwa ein Videobeispiel seines Themas zukommen lassen möchte, „schickt ihm einen Link“ – und schwupp kann der sich mit einem Mausklick das Filmchen anschauen.

Und was sagt uns das alles? – Sprache ist stets Spiegel ihrer Zeit! Und deshalb sollten wir sie auch immer in ihrem zeitlichen Umfeld lassen – und sie zeitgerecht betrachten. Warum sollten wir zum Beispiel uralte Märchentexte auf Biegen und Brechen auf unsere Sprachzeit „adaptieren“?

Ob das Vorlesen dann schöner wird, wenn aus Froschkönig „Froschkönige und Froschköniginnen“ wird, womöglich noch mit Sternchen mittendrin oder mit dem Zusatz gemäß dem Gleichstellungsgesetz „m/w/d“ (gleich: männlich/ weiblich/ diverses). Und was da noch alles an veränderungsbedürftigen Begriffen hinzukommen könnte: Zigeuner, Neger, Mohren, Hexen, Mord und Totschlag…

Wäre es nicht sinnvoller, alte Märchen in ihrer Zeit zu lassen und stattdessen für die Kleinen moderne Texte mit neuen Inhalten zu schreiben, in die der Zeitgeist sinnvoll einfließen kann?

Mit besten Grüßen

Walter Thieme
WTH-Geschäftsführer