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01 Mai

Editorial von Walter Thieme: Pleiten, Pech und Pannen…

Die Gesellschaft hat sich nachhaltig verändert. Mit gestiegenen Wohlstand, Zeit- und Umweltbewusstsein lässt zugleich die Akzeptanz gesellschaftlicher Vorstellungen nach. „Volksparteien“ scheinen mittlerweile zugunsten von „Klientel- oder Themenparteien“ ausgedient zu haben. Diese besetzen ein zentrales Thema und aus deren Sicht weniger wesentliche Sachverhalte - aber eben eher halbherzig. Ähnliches erleben wir im Arbeitsleben, wo Spezialisten mehr gefragt zu sein scheinen als ‚Allroundern mit dem Blick aufs Ganze‘.

Man mag solche Veränderungen bedauern oder begrüßen. Aber die langwierigen Umsetzungsprozesse etwa von öffentlichen Vorhaben wie Verkehrsinfrastruktur oder anderer Projekte verhaken sich oft in diverse Einzel- oder Verbandsinteressen. Das Gemeinwesen scheint keine eigene Stimme mehr zu haben. Dass bei solchen Rahmenbedingungen weder Kosten-, Zeit- noch Dimensionierungsplanungen angemessen sein können, versteht sich fast von selbst.

Man denke nur an den Großflughafen in Berlin-Brandenburg (BER), der ab 2006 gebaut wird und 2011 oder 2012 in Betrieb gehen sollte. Der BER für 35Mio Passagiere ist noch immer nicht in Betrieb: Inbetriebnahme wird jetzt für Oktober 2020 geplant. Fachleute wissen heute schon, dass er dann bereits zu klein sein wird. Sicher ‚hinkt‘ der Vergleich, aber in Beijing in China wird ein dreimal größerer Flughafen für 100 Millionen Passagiere und vier Millionen Tonnen Fracht in nur fünf Jahren realisiert!

Ein weiteres Beispiel ist die 1926 erbaute „Friesenbrücke“ über die Ems bei Weener: 2015 wurde die weit und breit einzige Emsbrücke für Eisenbahn- und Straßenverkehr von einem Frachter gerammt und komplett zerstört. Erst Ende 2016 schätzte man die Reparatur oder den Neubau auf 30 Millionen Euro (geplante Wiedereröffnung 2021).

Dann diskutiert man den Bau einer größeren Brückenanlage (Mehrkosten 10 bis 15 Millionen Euro). Weil die Brücke an gleicher Stelle aber anders dimensioniert wäre, ist vor Bau(planungs)beginn zwingend ein Planfeststellungsverfahren vorzuschalten. Das würde mindestens drei Jahre dauern. Aktuell gibt es jetzt weder eine Entscheidung für die eine oder andere Lösung - und Menschen und Wirtschaftsverkehr in der Region lässt man einfach warten.

Diese ‚Klageliste‘ ließe sich auf jede Ebene anwenden. Auch ‚im Kleinen‘ werden dem Steuerbürger trotz allgemein beklagten Wohnungsmangels monatelange Wartezeiten auf Baugenehmigungen zugemutet – Kostensteigerungen für Bauleistungen gehen natürlich zu Lasten des Bauherrn.

Bleibt nur die Hoffnung, dass nach Pleiten, Pech und Pannen wieder Pragmatismus als auch Gemeinsinn Oberhand gewinnen werden.

Mit besten Grüßen

Walter Thieme
WTH-Geschäftsführer