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09 Feb

Editorial von Walter Thieme: Am besten wären Klarnamen

„Ich mache das schnell online“. Dieser Ausspruch gehört heute ganz selbstverständlich zur Normalität im Alltag. Wir kaufen im „Netz“ alles für Haushalt und Hobby ein. Unsere Bankgeschäfte erledigen zu Hause bequem am Bildschirm. Selbst „Freundschaften“ finden wir online jederzeit per Mausklick. Den sozialen Netzwerken sei Dank. Das World Wide Web wird unser Leben weiter verändern. Aber wir machen uns mit der Preisgabe unserer Daten auch tagtäglich „nackiger“. Viele surfen auch deshalb anonym via „Nickname“.

Eine Radioreportage im Südwestdeutschen Rundfunk über das Pro und Contra der Anonymität in sozialen Netzwerken hat mich nachdenklich gemacht: Ein freies Internet fördert mit Reichweite und Schnelligkeit das Miteinander aller gesellschaftlichen Gruppen. Kaum jemand kann sich dem Netz der Netze ohne Nachteile entziehen.

Manchmal ist sogar ausschließlich digitale Kommunikation möglich. Steuererklärungen in Deutschland werden mittlerweile online übertragen. Nachteil: Je mehr Abläufe bei Staat und Gesellschaft digital abgewickelt werden, desto teurer werden zugleich analog erbrachte Dienstleistungen. Das „Web“ verlangt aber auch eine „internetfähige Gesellschaft“. In den sozialen Netzwerken erreichen Nutzer mühelos Reichweiten, die in der analogen Welt vor ein paar Jahren kaum vorstellbar oder sehr zeit- und kostenaufwändig waren.

Im Nachrichtenwesen kann sich unterdessen jeder jederzeit einmischen und der Welt mitteilen, was ihm beliebt. In dieser Informationsflut vermischen sich oft unzulässig Nachrichten und Meinung. Für die Rezipienten ist das häufig kaum unterscheidbar. Noch schlimmer: ungeprüfte Verlautbarungen, gern auch ohne Quellenangabe. Die werden rasch zu „Fake-News“. Wenn jeder nach eigenem Gusto mitmischen kann, führt das nicht selten zur Desinformation.

In den sozialen Netzwerken werden alle Themen menschlichen Seins behandelt. Hier gilt der Satz „Das Internet vergisst nichts“ ganz besonders. Anders als früher an Stammtischen oder in Veranstaltungen kann sich jedermann anonym wie ungehemmt und erdballumfassend „über Gott und die Welt“ auslassen.

Mobbing und Hassbotschaften wie Falschmeldungen verbreiten sich ebenso mühe- wie gefahrlos für die anonymen „Schreiberlinge“. Deren „Nickname-Tarnkappe“ macht es Betroffenen fast unmöglich, sich zu wehren. Plattformbetreibern fehlt es obendrein häufig an Interesse oder Verständnis zu helfen und die Täter zu nennen.

Eine bewährte Tradition der Zeitungen, Zeitschriften und Magazine könnte hier hilfreich sein: Anonyme Leserbriefe werden nicht veröffentlicht. Der deutsche Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble und andere schlagen deshalb vor, dass Beiträge in den sozialen Medien nicht mehr anonym, sondern nur noch mit Klarnamen verbreitet werden dürfen. Vielleicht würde dann die eine oder andere „flotte Feder“ vor dem Absenden der bösen Botschaft noch einmal in sich gehen – und stattdessen lieber die Taste „Entfernen/Delete“ drücken.

Mit besten Grüßen

Walter Thieme
WTH-Geschäftsführer