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24 Jun

Editorial: So schnell wendet sich das Blatt

Augenblicklich gehen wir alle auf Distanz – mit und ohne Maske. Ob das wirklich unserem Wesen entspricht? Wie lange werden wir auf direkte Sozialkontakte verzichten können? Sicher ist: Die Maskenpflicht bleibt uns in Coronazeiten in öffentlichen Räumen so lange erhalten, bis Medikamente und Impfstoffe zur Verfügung stehen. Allerdings sollte es erlaubt sein, über Art und Umfang so oder so zu denken. Vermehrt sehen wir übrigens auch „herrenlose“ Masken auf Straßen, Wegen und Plätzen liegen, wo sonst nur leere „to-go-Becher“ oder Fast Food-Verpackungen zu finden waren.

Als wir den Jahreswechsel 2019/2020 feierten, ahnte niemand, welchen dramatischen Kurs das neue Jahr bald nehmen würde. Viele hörten erstmals nach ein paar Wochen von gewissen Ereignissen in China. Niemanden beunruhigte das. Denn nichts deutete darauf hin, dass sich das Virus rasend schnell aus der chinesischen Provinz Wuhan rund um den Globus ausbreiten könnte. Heute wissen wir, wie schnell sich das Blatt wenden kann.

Wer hätte schon geglaubt, dass Corona weltumspannend das wirtschaftliche und soziale Leben zum Stillstand bringen könnte? Aber genau das geschah. Globale Reisetätigkeiten, Après-Ski beim Winterport und volle Hallen bei Messen, Sport und Spiel wurden unter anderem blitzschnell zu Multiplikatoren und verursachten Folgen in bisher nicht gekanntem Ausmaß.

Kontinent für Kontinent, Staat für Staat verfielen nach und nach in eine Art Schockstarre. Existenzen gerieten nach staatlichen Beschränkungen zum Schutz der Bevölkerung vollkommen unverschuldet in Not. Grundrechte wurden drastisch eingeschränkt. Bis dahin in der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend unterschätzte Berufsgruppen wurden plötzlich „systemrelevant“. Dem winzigen Coronavirus gelingt es seither mühelos, Themen wie Umweltschutz, Klimakatastrophe und politische Auseinandersetzungen sowie Nationalismus einfach aus den Schlagzeilen zu verdrängen.

Verkehrsstaus und Luftverkehr gab es vorübergehend nicht mehr. Wenn auch Utopien nicht Realitäten wurden, so erschienen vermeintliche Unmöglichkeiten plötzlich denkbar: Parallel zu den schlimmen Ereignissen erholte sich vielerorts die Natur –  Flüsse und Seen wurden klarer, der Himmel blauer. Durch diesen ungeplanten „Feldversuch“ wurde eindrucksvoll nachgewiesen, dass der CO2-Ausstoß tatsächlich reduziert werden kann.

Nicht zu vergessen, Krisen kosten Geld: Früher stritten Finanzpolitiker oft laut und heftig, ehe sie Millionenbeträge locker machten. Heute fließen selbst Milliardenbeträge fast geräuschlos aus den öffentlichen Kassen. Aber diese Zeche wird noch von kommenden Generationen, egal ob Personen oder Unternehmen, beglichen werden müssen. Das wird nur eine der monetären Folgen sein. Es kommt darauf an, rechtzeitig und vor allem möglichst breiten gesellschaftlichen Konsens bei der Begleichung der Folgekosten in den Gesellschaften und Staaten herzustellen.

Andererseits ist allen klar geworden, dass global arbeitsteiliges Wirtschaften offenen Grenzen und einen funktionierenden Waren- und Wirtschaftsverkehr erfordern. Da stellt sich schnell die Frage, ob wir immer alle Lebensmittel zu allen Zeiten auf dem Tisch haben müssen? Oder wäre es besser, alles regional und ressourcenschonend zu erzeugen und zu vermarkten? Vielleicht wäre auch die Fokussierung auf das Notwendige oder das Wesentliche sinnvoller als der stete Anspruch auf „alles was geht“? Müssen Erdbeeren zu Weihnachten sein?

Ich bin davon überzeugt, dass der (Fern-)Reiseverkehr, auch zu bestimmten Großveranstaltungen, sich in den nächsten Jahren deutlich reduzieren wird. Die in jüngster Zeit erfolgreich praktizierten Online-Konferenzen von daheim oder aus dem Büro werden manche Reisen verzichtbar, vielleicht sogar überflüssig machen. Ob der private Urlaubsreisefernverkehr wieder zu gewohnten Ausmaßen finden wird, dürfte wesentlich von der Befriedigung individueller gesundheitlicher Sicherheitsaspekte sowohl während der Reise selbst als auch am Zielort abhängen.

Kommen Sie gut durch diese Zeit!

Mit besten Grüßen

Walter Thieme
WTH-Geschäftsführer