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Mitleid trotz Erholung?

(mud) –  „Solidargemeinschaften“ bilden sich gern in Krisen- und Notzeiten, um möglichst schadlos aus belasteten Situationen herauszukommen. Eine Pandemie, wie wir sie gerade erleben, sollte uns trotz aller Abstandsregeln zusammenrücken lassen. Vater Staat ist mit gutem Beispiel vorangegangen. Nicht alles hat zum „Wumms“ geführt, aber im großen Ganzen hat die Bundesregierung fast alles richtig gemacht. Trotzdem leiden Unternehmen in allen Branchen unter den Corona-Einschränkungen. Einige wollen nun ihr eigenes Leiden lindern, indem sie andere auffordern, für sie mitzuleiden – ein merkwürdiges, aber überflüssiges Mitleidsgeschehen bahnt sich da an.

„In jüngster Zeit erhalten wir gehäuft Anfragen, die wir bisher so nicht kannten“, sagt Walter Thieme. Darin fordern Kunden WTH auf, jetzt Extrarabatte und verlängerte Zahlungsziele zu gewähren. Begründet wird das alles mit einem Hinweis auf die gemeinsam schweren Zeiten. Die könne man doch nur solidarisch meistern, mögen sich die Absender beim formulieren gedacht haben.

„Jedes Unternehmen ist doch gleichermaßen betroffen“, hält der WTH-Chef dagegen und fragt sich: „Wenn wir Kunden Nachlässe gewähren, wo holen wir denn unsererseits diese Kosten wieder rein?“ Walter Thieme befürchtet, dass das zu einer „Bettelbriefflut“ führt, die am Ende das (Geschäfts-) Klima verdirbt.

Von Zahlungsaufschüben und Sonderrabatten hält Thieme deshalb nichts: „Unsere Preise und Lieferkonditionen sind bereits jetzt äußerst kalkuliert und bieten deshalb keinen Handlungsspielraum. Als Rohstofflieferant gilt sowohl für uns als auch unsere Lieferanten, dass längere Zahlungsfristen nicht kostenneutral sondern eher preissteigernd wirken, da dieses mit Fremdkapital refinanziert werden muss, welches nicht zum ‚Null-Tarif‘ zu haben ist“.

Im Übrigen geht das innerwirtschaftliche Mitleidsgeschehen auch ein bisschen an der Realität vorbei. Immerhin melden seriöse Beobachter wie die Tagesschau unter Berufung auf das Statistische Bundesamt dieser Tage (6.8.20): „Die Auftragsbücher der deutschen Industrie füllen sich wieder: Die Bestellungen stiegen im Juni um 27,9 Prozent im Vergleich zum Vormonat. Analysten hatten mit einem deutlich kleineren Plus gerechnet. Der Auftragseingang in der deutschen Industrie hat sich nach dem Einbruch in der Corona-Krise im Juni unerwartet stark erholt. Die Bestellungen stiegen um 27,9 Prozent im Vergleich zum Vormonat, wie das Statistische Bundesamt mitteilte“.